Der Mensch zuerst: Warum Liberale die KI-Euphorie bremsen müssen
Von Florian Kempff
Die Freien Demokraten galten stets als politische Kraft des Fortschritts. Sie verteidigten Marktwirtschaft gegen Planwirtschaft, Innovation gegen Beharrung und technischen Wandel gegen kulturpessimistische Verweigerung. Wer Wohlstand schaffen will, muss Neues zulassen. Wer Freiheit verteidigen will, darf den Fortschritt nicht fürchten. Diese Grundhaltung bleibt richtig.
Doch gerade deshalb ist es an der Zeit, eine unbequeme Frage zu stellen: Was geschieht, wenn die technologischen Werkzeuge, die wir schaffen, beginnen, den Menschen ökonomisch, sozial und politisch zu verdrängen? Was geschieht, wenn die Produktivität explodiert, während die Bedeutung menschlicher Arbeit schrumpft? Und was geschieht, wenn die Freiheit einiger weniger Technologiekonzerne in die Unfreiheit vieler Bürger umschlägt?
Die Debatte über Künstliche Intelligenz wird derzeit von einer fast religiösen Fortschrittsgewissheit geprägt. Wer Zweifel äußert, gilt schnell als rückständig. Wer Risiken betont, wird als Verhinderer abgestempelt. Dabei wäre gerade liberales Denken verpflichtet, Machtkonzentrationen kritisch zu hinterfragen, unabhängig davon, ob sie vom Staat oder von privaten Akteuren ausgehen.
In den USA zeichnet sich inzwischen eine Gegenbewegung ab. Unter Schlagworten wie „Humans First“ wächst die Sorge, dass technologische Innovation nicht länger primär dem Menschen dient, sondern den Menschen zunehmend ersetzt. Hinter dieser Entwicklung steht keine technikfeindliche Romantik. Sie entspringt vielmehr der nüchternen Beobachtung, dass KI-Systeme inzwischen Tätigkeiten übernehmen, die lange als genuin menschlich galten: Schreiben, Übersetzen, Analysieren, Programmieren, Entwerfen und sogar Beraten.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob KI leistungsfähig wird. Diese Frage ist längst beantwortet. Die eigentliche Frage lautet: Welche Rolle bleibt dem Menschen?
Besonders problematisch erscheint dabei ein Argument, das inzwischen nahezu reflexartig vorgetragen wird. Es lautet: „Nicht die KI wird deinen Arbeitsplatz ersetzen, sondern jemand, der KI nutzt.“ Dieser Satz wird häufig als beruhigende Zukunftsprognose verkauft. Tatsächlich ist er in vielerlei Hinsicht irreführend.
Denn er unterstellt, dass die entscheidende Veränderung lediglich in der besseren Nutzung eines Werkzeugs bestehe. Historisch war das oft zutreffend. Wer einen Computer beherrschte, hatte Vorteile gegenüber jemandem ohne Computerkenntnisse. Wer das Internet verstand, konnte produktiver arbeiten als jemand, der darauf verzichtete.
Doch moderne KI ist nicht einfach ein weiteres Werkzeug. Sie ist darauf ausgelegt, menschliche geistige Tätigkeiten selbst auszuführen. Wenn ein System Texte schreibt, Software entwickelt, Verträge analysiert oder Marketingkampagnen erstellt, dann erhöht es nicht bloß die Leistungsfähigkeit des Menschen. Es substituiert menschliche Leistungen.
Der Unterschied ist fundamental.
Der Landwirt mit dem Traktor blieb Landwirt. Der Ingenieur mit dem Computer blieb Ingenieur. Der Architekt mit CAD-Software blieb Architekt. Die Werkzeuge steigerten ihre Produktivität, ohne ihre Existenz grundsätzlich infrage zu stellen.
KI hingegen verfolgt ein anderes Ziel. Sie soll nicht lediglich unterstützen. Sie soll Aufgaben eigenständig erledigen. Die wirtschaftliche Logik vieler Unternehmen besteht gerade darin, möglichst viele menschliche Arbeitsstunden einzusparen.
Wer daher behauptet, lediglich Nichtnutzer von KI würden Nachteile erleiden, verwechselt Übergangsphänomene mit langfristigen Entwicklungen. Kurzfristig mag der Mitarbeiter mit KI produktiver sein als sein Kollege ohne KI. Langfristig stellt sich jedoch die Frage, warum überhaupt noch dieselbe Anzahl von Mitarbeitern benötigt wird, wenn ein einzelner Beschäftigter mithilfe von KI die Arbeit mehrerer Personen erledigen kann.
Wir Liberale sollten diese Frage nicht verdrängen.
Marktwirtschaft lebt vom Wettbewerb. Wettbewerb erzeugt Effizienz. Effizienz wiederum bedeutet häufig, dass weniger Ressourcen für dieselbe Leistung benötigt werden. Genau deshalb kann KI enorme Wohlstandsgewinne erzeugen. Doch Wohlstandsgewinne sind nicht automatisch identisch mit gesellschaftlichem Fortschritt.
Eine Gesellschaft definiert sich nicht allein über ihr Bruttoinlandsprodukt. Sie definiert sich über Teilhabe, Eigenverantwortung, Würde und die Freiheit des Einzelnen, unter verlässlichen rechtlichen Rahmenbedingungen seinen eigenen Weg zu gehen und seinen Platz durch eigene Leistung selbst zu erringen.
Was geschieht, wenn Millionen Menschen zwar nicht arbeitslos, aber ökonomisch zunehmend bedeutungslos werden? Was geschieht, wenn kreative, analytische und administrative Berufe schrittweise automatisiert werden? Was geschieht, wenn eine kleine Gruppe von Eigentümern der leistungsfähigsten KI-Systeme einen immer größeren Anteil der Wertschöpfung kontrolliert?
Diese Fragen sind keine sozialistischen Fantasien. Sie sind genuin liberale Fragen nach Macht und Freiheit.
Die Geschichte des Liberalismus war stets auch die Geschichte des Kampfes gegen übermäßige Konzentration von Macht. Früher richtete sich dieser Kampf gegen absolutistische Monarchen. Später gegen staatliche Monopole. Oder gegen Medienmacht, wie in Deutschland gegen die Springer-Presse der 60er Jahre. Heute muss er sich auch gegen digitale Machtzentren richten, die über Datenbestände, Rechenkapazitäten und KI-Modelle verfügen, deren Einfluss die Handlungsmöglichkeiten ganzer Gesellschaften prägen kann.
Eine soziale Marktwirtschaft, die ihren Namen verdient, darf deshalb nicht ausschließlich die Interessen der Technologieanbieter betrachten. Sie muss den Menschen in den Mittelpunkt stellen.
„Humans First“ darf dabei nicht als antiquierter Ruf nach Maschinenstürmerei missverstanden werden. Es bedeutet nicht, Innovation zu verhindern. Es bedeutet, Innovation an menschlichen Bedürfnissen zu messen.
Technologie soll dem Menschen dienen. Nicht der Mensch der Technologie.
Aus liberaler Sicht folgt daraus eine doppelte Verantwortung. Einerseits müssen Forschung, Unternehmertum und technologische Entwicklung weiterhin ermöglicht werden. Europa wird seine Zukunft nicht sichern, indem es Innovation verbietet. Andererseits darf die Politik nicht den Fehler begehen, jede technologische Entwicklung automatisch als Fortschritt zu deklarieren.
Fortschritt ist kein Selbstzweck.
Eine Gesellschaft, in der Menschen ihre wirtschaftliche Existenz verlieren, politische Macht in den Händen weniger Technologiekonzerne konzentriert wird und menschliche Fähigkeiten systematisch entwertet werden, ist nicht automatisch frei, selbst wenn ihre Software beeindruckend ist.
Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung der kommenden Jahrzehnte deshalb nicht darin, immer intelligentere Maschinen zu entwickeln. Vielleicht besteht sie darin, den Wert des Menschen in einer Welt zu bewahren, in der Maschinen immer intelligenter werden.
Gerade Liberale sollten diese Debatte führen. Nicht trotz ihrer Technologiefreundlichkeit, sondern wegen ihr. Denn wer Freiheit ernst nimmt, darf nicht nur fragen, was technisch möglich ist. Er muss auch fragen, was gesellschaftlich wünschenswert ist.
Der Mensch darf nicht zum Anhängsel seiner eigenen Erfindungen werden.
Der Mensch muss zuerst kommen.
Der Verfasser beschäftigt in seinem seit 26 Jahren bestehenden Unternehmen qualifizierte KI-Spezialisten aus drei Nationen und versucht abzuschätzen, wohin die Reise geht.